Ein offener Brief an Herbert Grönemyer (2007)
In ein paar Wochen gibt’s Neues von Herbert Grönemeyer - auf seiner Homepage tut sich derzeit einiges. Unter anderem fordert uns Herbert Grönemeyer dazu auf, ihm Fragen zu stellen. Mir fiel keine konkrete Frage ein an den deutschen Musiker, der einer meiner ersten Popstarlieblinge war. Dafür fiel mir ein, dass ich ihm vor 3 Jahren, nach seinem Konzert in Bern, mal einen offenen Brief geschrieben habe:

(Karikatur: Wilfried Steurer)
Lieber Herbert
Ich war natürlich auch dabei, gestern Mittwoch im Stade de Suisse zu Bern. Ich sass da, Ende Juni, eingepackt in meine Winterjacke. Sass da mit 40′000 anderen, die gekommen waren, um Dich zu sehen. Ich klatschte an den richtigen Stellen, ich stand auch von meinem 100 Franken-Sitz auf, wenn es die anderen taten (also bei “Männer”, “Was soll das?”, “Bochum”, “Mensch”und als es fertig war). Und trotdzem wurde ich nicht richtig warm mit diesem Konzert - und das hatte nichts mit den tiefen Aussentemperaturen zu tun.
Damit Du mich nicht falsch verstehst: ich hatte mich eigentlich darauf gefreut. Es war mein siebtes Herbert Grönemeyer-Konzert, zum ersten Mal hatte ich Dich 1993 als 16jähriger live gesehen. Drei Viertel meines bisherigen Lebens wurden auch von Deiner Musik begleitet. Du warst mein erster Popstar nach Nena (bei mir kamen zuerst die Schlieremer Chind, dann Nena, dann du, und irgendwann später dann Modern Talking). Ich verstand zwar die Texte damals als 7jähriger nicht immer (bei “Flugzeuge im Bauch” dachte ich damals, du würdest “Gib mir mein Haus zurück” singen), aber die Musik gefiel mir schon immer. Als Du zum Release deines Albums “Chaos” 1993 nach Zürich kamst und beim Radio24-Stand an der Züspa ein Interview gabst, war ich der erste, der Dich um ein Autogramm bat. Für Grönemeyer-Konzerte reiste ich nach St. Gallen, Montreux, an den Bodensee. Und auch heute, da mich Deine Platten schon lange nicht mehr vom Hocker reissen, kaufe ich mir Deine Musik dennoch immer noch. Irgendwo in meinem Musikliebhaberherz wird es immer einen Platz für Grönemeyer haben.
Tja, und gestern in Bern, da warst Du wie immer. Anfangs etwas verklemmt, dann aber charmant und freundlich. Du hast mit uns geredet und Witze gemacht, hast uns zum Mitsingen animiert, und Du hast getanzt, so, wie Du es immer tust, so, wie ein Grönemeyer eben tanzt (ein Tanzstil, den Wiglaf Droste zu seinem herrlichen „Grönemeyer kann nicht tanzen“ inspiriert hat). Das kannst du wunderbar, du weisst, wie man eine Show schmeisst. Aber die Musik, und wegen der war ich ja da, die klang… nicht gut. Und das hatte nicht nur mit der Stadionakustik zu tun. Nein, daran warst Du schuld. Du und Dein Hang, jegliche Musik zu vergrönemeyern. Will heissen: höher, schneller, weiter. Zwei Gitarren. Ein Drummer UND ein Perkussionist. Es pumpt, es stampft, es dröhnt und blubbert aus den Boxen. Alles ist so laut, dass man bei der Hälfte der Lieder nicht einmal mehr eine Gesangsmelodie erkennen kann. Dabei hört man ja Deine Stimme, wenn Du singst: Du bellst und japst über dieses grönemeyersche Durcheinander, atemlos, so dass man den Text nur noch in Fragmenten mitbekommt. Deine Musik, die auf Platte bereits Stadioncharakter hat, wird hier noch einmal bis zum Platzen aufgepumpt, dass man vor lauter Musik die Musik nicht mehr hört
Nur manchmal hört man die Nuancen, die Streicher zum Beispiel, die extra mit auf Tour gekommen sind. Wenn Du „Der Weg“ anstimmst, das beste Lied über Verlust. Oder „Land unter“, nur mit Gitarren und Mandoline. Für ein paar wenige Minuten ist es fast still im Stadion, man kann zuhören. Es grönemeyert nicht mehr.
Mir ist klar, dass Du in der Liga, in der Du seit Jahren spielst und bis zu Deinem Karriere-Ende spielen wirst, nicht um die Fussballstadion herumkommst. Ich merke einfach, dass das nichts mehr für mich ist.
Ich denke, das war das letzte Mal, dass Du und ich uns in einem Fussballstadion begegnet sind. Es war eine schöne Zeit. Aber ich denke, dass nächste Mal sitze ich auf dem Sofa und geniesse die Nuancen, während es im Stadion grönemeyert.
Aber nicht traurig sein, Herbert. Kopf hoch, tanzen! Immer wieder tanzen.
Christoph
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