R.E.M. - Collapse Into Now (2011)
Manche Musikjournis schreiben bereits von einem Meisterwerk. Soweit würde ich nicht gerade gehen. Aber R.E.M. legen mit “Collapse Into Now” auf alle Fälle ihr abwechslungsreichstes und durchhörbarstes Album seit “Up” (1998) vor.

Auf dem letzen Album “Accelerate” (2008) sang Michael Stipe im Hurricane Katrina-inspirierten “Houston” die desillusionierten Zeilen “If the storm doesn’t kill me / The government will”. Drei Jahre später greift Stipe die Zeilen noch einmal auf - und verpasst ihnen für den wunderbaren Song “Oh My Heart” ein Update: “The storm didn’t kill me / The government changed” heisst es nun. Das zeigt: es hat sich einiges getan bei R.E.M. in den letzten drei Jahren.
Nicht nur textlich wurde der R.E.M.-Grundton optimistischer - auch musikalisch. Auf “Collapse Into Now” zeigen sich R.E.M. so zugänglich (im Sinn von: für den “normalen” Popradiohörer zugänglich) und vielfältig wie schon lange nicht mehr. Zwar rocken R.E.M. auf vielen der Songs kein bitzeli weniger als 2008 auf “Accelerate”. Aber diese Rocker werden gemischt mit sanfteren, poppigeren Songs, die für einen schönen Kontrast sorgen.
Und mit etwas mehr als 40 Minuten hat das Album genau die richtige Länge. Schon 2008 sagte mir Gitarrist Peter Buck im Interview, ein guter Popsong dürfe nicht länger als 4 Minuten sein. Mit dem fulminanten Rocker “That Someone Is You” schaffen es R.E.M. sogar in 1 Minute und 44 Sekunden.

Was auffällt: R.E.M. haben keine Angst vor Selbst-Zitaten. Der Opener “Discoverer” erinnert an “Turn You Inside-Out” von 1988. “Überlin”, einer der besten Songs des Albums, weckt Erinnerungen an “Drive”. Auf “It Happended Today” harmonieren Michael Stipe und Mike Mills so schön und innig, wie seit “Belong” (1991) nicht mehr. Und “Oh My Heart” bietet so wunderbares Mandolinenspiel von Peter Buck, als hätte er erst gestern “Losing My Religion” komponiert. Diese Zitate sind aber kein Ausdruck von Ideenlosigkiet, sondern eher eine Rückbesinnung auf alte Tugenden. Eine Band, die einen eigenen Sound kreiert hat, hat auch das Recht, nach in 30 Jahren Bandgeschichte ab und zu darauf zurückzugreifen.
Nur beim Albumcloser “Blue” scheitern R.E.M. (with a little help from their friend Patti Smith) kläglich im Versuch, die Magie von “E-Bow The Letter” zu reproduzieren. Was hypnotisch klingen sollte, ist einfach nur einschläfernd. Zum Glück ist dies der einzige Ausrutscher auf diesem Album.
R.E.M. haben “Collapse Into Now” in den Berliner Hansa-Studios aufgenommen, dort, wo sich vor 20 Jahren U2 mit “Achtung Baby” neu erfunden haben. R.E.M. haben dies mit dem neuen Album sicher nicht getan. Aber das müssen sie auch nicht. Es ist einfach beruhigend zu wissen, dass es eine meiner Lieblingsbands immer noch schafft, mit neuen Songs zu fesseln, zu begeistern und relevant zu sein.
PLATTENTELLER: Alle R.E.M.-Artikel Passend dazu: die R.E.M.-Review von Yves Baer.
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