Herbert Grönemeyer - Zwölf (2007)

Zur Einstimmung der Grönemeyer-Reviews: meine Kritik seines letzten Albums “Zwölf”.

MENSCH (2002) lasse sich nicht mehr toppen, kann man praktisch in jeder Review zu Herbert Grönemeyers neuer Platte lesen. Damit können aber nur die Verkaufszahlen gemeint sein (schliesslich ist MENSCH das erfolgreichste deutschsprachige Album überhaupt). Denn, mal ehrlich: Was war MENSCH ausser einer gut produzierten Erfolgssingle (“Mensch”) und zwei wahnsinnig schönen Liedern über Trauer und Verlust (“Der Weg”, Demo (Letzter Tag)”)? Vor allem durchschnittlicher Deutschrock, oft ziemlich überproduziert, manchmal fast unerträglich (“Zum Meer”). Da war BLEIBT ALLES ANDERS (1998) doch einiges interessanter und berührender.

Und deshalb ist auch ZWÖLF einiges besser als MENSCH. Auch wenn die Musik einige Mängel hat - zum Beispiel den Mangel, immer zuviel zu wollen.

Und damit meine ich nicht etwa das Orchester, das fast in jedem der Songs prominent zu hören ist (und einmal mehr von Nick Ingman produziert wird, der vor fast zehn Jahren auch schon mit PORTISHEAD gearbeitet hat). Nein, ich meine damit Grönemeyers Hang, seine Songs bis zum Umfallen vollzustopfen mit produktionstechnischen Einfällen. Da noch ein Blubbern, hier noch ein Zwirbeln, dort noch einen kleinen Beat. Und wer sagt, dass man sich nur mit einer Singstimme zufrieden geben muss, wenn man auch zwei gleichzeitig haben kann (und am besten noch mit Hall)?

So gebärdet sich Grönemeyer auf manchen dieser zwölf Songs wie das deutsche Pendant zu Peter Gabriel (auch der hat auf seinem letzten Werk UP (2002) eher schwache Songs in eine überbordende Produktion gepackt) - und beim vordergründig eher schlichten “Marlene” klingt er auch wie Peter Gabriel. Und bei “Zieh dein Weg” wie Xavier Naidoo - aber wenigstens ist der Text dort stark (Grönemeyer gibt seinen Kindern einige Ratschläge mit auf den Weg).

Auch die Tanznummer “Kopf hoch, tanzen” ist schlussendlich zu episch breit, um wirklich mitzureissen. Da hätte Grönemeyer bei seinem Schweizer Kollegen Eicher, mit dem er vor vier Jahren ja auf Tour war, ein bisschen in die Lehre gehen können - mit einer etwas trockneren Produktion hätte das ein echtes Highlight werden können.

Auch andere Songs reissen nicht gerade vom Hocker - besonders, weil sie halt wie Grönemeyer-Songs klingen (“Du bist die”, “Flüsternde Zeit”). Und im an sich eigentlich hübschen “Stück vom Himmel” kupfert Grönemeyer die Melodie der Strophe praktisch 1:1 vom “Mensch”-Refrain ab - vielleicht mit ein Grund, weshalb man den Song nach ein paar Tagen Radio-Heavy-Rotation gerne wieder wegdreht.

Aber natürlich ist ZWÖLF auch eine berührende und stellenweise sogar spannende Platte. Zum Beispiel, wenn Grönemeyer in der zweiten Hälfte “Ohne Dich” anstimmt. Textlich ist das zwar einfach ein Update von seinen früheren Verlassener-Liebhaber-sagt-der-Frau-dass-er-sie-sowieso-nicht-mehr-braucht-Songs wie “Deine Liebe klebt” oder “Nach Dir” - musikalisch besticht das Lied aber durch seine für Grönemeyer-Verhältnisse schon fast organische Produktion - Klavier, sanfte Drums, etwas Gitarre und das Orchester, später noch eine Harmonika - ein wahrer Hit, der nie einer werden wird.

Auch “Ich versteh” gefällt in seiner Schlichtheit, “Leb in meiner Welt” auch, zumindest, bis Orchester und Band zum lauten Finale aufspielen. Und bei “Zur Nacht” will man es fast nicht glauben, als man das Intro mit der akustischen Gitarre hört - der Song ist, danach zwar auch wieder ein wenig überproduziert, ist aber dennoch der zweite grosse Höhepunkt der Platte. Vor allem wegen des Textes (“Dies ist das Lied zur guten Nacht / Zieh deinen Stecker ‘raus / Wende dich an die Dunkelheit / Denn sie kennt sich aus”). Ausserdem weis sich Grönemeyer da auf drei Minuten zu beschränken, etwas, das er auf ZWÖLF selten schafft.

Zum Beispiel im Schlusslied “Liebe liegt nicht”, bei dem übrigens Fran Healy von TRAVIS Gitarre spielt und Grönemeyers Kinder Felix und Marie im Chor mitsingen: Fast sieben Minuten dauert das Stück - und hat sogar zwei gigantische Schlüsse. Als Hörer ist man hin- und hergerissen zwischen mitschunkeln und abwenden. An guten Tagen anerkennt man das Lied als positiven Schlusspunkt eines Albums, das davon handelt, weiter zu gehen - da kann man sich auch an Zeilen wie “Liebe schmeisst nicht ständig Reis” freuen. An schlechten Tagen kann einem dieses Gejauchze gehörig nerven.

Und so hinterlässt ZWÖLF einen eher zwielichtigen Eindruck. Aber schlussendlich entscheidet man sich im Zweifel für den Angeklagten. Und freut sich doch irgendwie, dass uns Grönemeyer regelmässig füttern kommt.

groenemeyer.de

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