Herbert Grönemeyer - Schiffsverkehr (2011)
Eigentlich sollte dies ein Verriss werden. Doch dann kamen mir ein paar gute Songs in die Quere. Und Grönemeyer selbst.

Geistig hatte ich mit Grönemeyer eigentlich abgeschlossen. Keine seiner beiden Alben im letzten Jahrzehnt rissen mich, trotz einiger grossartiger, berührender Songs, so richtig vom Hocker. Und live wollte mir Grönemeyer auch nicht mehr gefallen - nicht, weil er ein schlechter Liveact wäre. Aber an den Konzerten grönemeyerte es mir einfach zusehr (was ich damit meine, kann man in meinem offenen Brief an Grönemeyer lesen, den ich nach dem letzten Konzert in Bern an ihn geschrieben habe).
Und dabei war Grönemeyer einmal der Held meiner Kindheit. Als kleiner Bub in Dübendorf Anfang der 80er Jahre verlief meine musikalische Entwicklung in etwa so: Schlieremer Chind - Nena - Polo Hofer - Grönemeyer. Aber irgendwo in den Jahren danach, irgendwann nach “Bleibt alles anders” (1998) ging was schief in unserer Beziehung.
Dabei ist “Bleibt alles anders” wohl etwas vom Besten, das Grönemeyer je produzierte. Er brach mit den bekannten Songformen, schuf mit Produzent Alex Silva neue Soundlandschaften, schlüpfte in seinen Texten in neue Rollen und präsentierte uns gleichzeitig sein Innerstes auf dem Silbertablett. Dies auf den folgenden Alben “Mensch” und “Zwölf” zu wiederholen, schaffte Grönemeyer nicht. Stattdessen wurde sein Sound in den schnellen Songs immer grösser, wuchtiger und grönemeyeriger. Und zuletzt machte er das auch bei den Balladen so (wie zum Beispiel zuletzt beim vergrönemeyerten “Glück” von 2008).
Und deshalb stand es für mich ausser Frage, dass ich auch das neue Album “Schiffsverkehr” nicht sonderlich mögen würde, nachdem ich die erste Single, den Titeltrack, zum ersten Mal hörte. Der Song ist überladen und vergrönemeyert, zu teutonisch, zu schwerfällig, um den Optimismus zu transportieren, den Grönemeyer eigentlich zu dem Song bewegt hatte. Und auch weitere Albumtracks wie “Kreuz meinen Weg” oder “Auf dem Feld” haben dieses Problem - die Musik klingt einfach nicht nach Musik, die ich mir gerne anhören möchte. Da mag der Text noch so gut sein. Der erste Höreindruck des Albums deshalb: schwach.
Doch dann bereitete ich mich auf das Grönemeyer-Interview vom letzten Sonntag vor und hörte mir das Album abends mit Kopfhörern und Textbooklet noch einmal genau an, von Anfang bis Schluss, in der richtigen Reihenfolge. Und entdeckte plötzlich Songs, die mir ans Herz gingen. “Wär ich einfach nur feige” zum Beispiel, das die seit “Mensch” omnipräsenten Streicher dezent einsetzt. “Deine Zeit”, das Lied, das Grönemeyer für seine demenzkranke Mutter schrieb. Das bluesige “Zu Dir”, das aufmunternde “Lass es uns nicht regnen”, ja sogar das augenzwinkernde “So wie ich” (mit dem Mitsingrefrain “Ich bin total in mich verliebt / Keiner liebt mich so wie ich” hat es mir angetan. Grönemeyer schafft es in diesen Songs (meistens), ohne allzuviel Ballast Stimmung zu erzeugen und zu fesseln.
Klar: in jedem dieser Songs grönemeyert es immer wieder mal gewaltig. Aber Grönemeyer hat erkannt, dass es für ein starkes Album mehr braucht als einen oder zwei starke Songs. Und auf “Schiffsverkehr” hat’s definitiv mehr starke Songs drauf als auf den letzten beiden Werken.
Tja - und so sind “Schiffsverkehr” und ich nun schon fast so etwas wie Kollegen geworden. Dass mir Grönemeyer am letzten Sonntag ein wirklich tolles, offenes, freundliches und selbstironisches Interview gegeben hat, hat sicherlich geholfen - da bin ich wie jeder Journalist: gebt mir Geschenke und ich werfe (fast) alle Kritik über Bord. Gestern beim Einschlafen kam mir sogar mal kurz der Gedanke, ob ich mich jetzt doch noch fürs Konzert in Bern im Juni akkreditieren sollte…
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Ausserdem zu empfehlen: Yves Baers Besprechung des Albums. Er spricht auf ein andere Songs besser an als ich.
1 Anmerkung
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von fuckyeahgermanmusic als Favorit markiert
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von stoeff gepostet