Various - Ich möchte ein Eicher sein
Aus aktuellem Anlass - meine CD-Review aus dem Jahr 2005:

Idee ziemlich cool, Ausführung nicht immer so wahnsinnig.
Der Genfer DJ Kid Chocolat ruft verschiedene Kollegen (mehrheitlich aus der Dance-Szene) befassen sich mit den Werken der Gebrüder Eicher. Beide waren mal in der Schweizer Kultband GRAUZONE, die mit “Eisbär” sogar einen internationalen NDW-Hit hatte. Der eine Eicher (Martin) hat nach GRAUZONE mit der Musik aufgehört. Der andere Eicher (Stephan) ist als Solokünstler einer der erfolgreichsten Schweizer Musiker geworden.

Der Tribute-Sampler ICH MÖCHTE EIN EICHER SEIN zeigt die GRAUZONE- und frühen Stephan Eicher-Songs so, wie sie klingen würden, wenn sie erst in diesem Jahrtausend produziert worden wären. Schon damals, Anfang der 80er-Jahre, waren das freche, innovative, minimalistische Elektropopsongs. Das sind sie heute nur noch in den besten Fällen. Der Höhepunkt auf dieser Platte ist der “Noise Boys Song” in der Version von NU WAVE HOOKERS. Sie bedienen sich an Eichers Gesangsspur (die, die er anlässlich der Neu-Auflage von LES CHANSONS BLEUES neu eingesungen hat), und unterlegen sie mit einem fetten Bass und Beats aus dem Drumcomputer. Dies ist mehr Remix als Neu-Interpretation, aber sehr gut. Besonders schön ist der Break gegen Ende des Songs, als die Musik plötzlich ins Jazzige kippt. Diese Klasse erreichen die anderen Tracks nicht mehr.
Interessant ist auch der “Les Filles Du Limmatquai”-Remix von TWEAK. Auch sie arbeiten mit Eichers-Originalstimme (und ja, er singt schön korrekt “TOUTES les filles”, und nicht “TOUS les filles”), die Instrumentierung klingt ähnlich wie beim Original, einfach moderner. Ein ähnlicher Fall ist KID CHOCOLATs Remix von “Nice”. Nichts neues, aber auch nichts schlechtes.
Bei den Neu-Interpretationen wird’s dann schon schwieriger. Und oft auch langweiliger. Vielen fehlt der Mut zum Pop, obwohl sich Songs wie “La Pièce” oder “Two People In A Room” so schön dafür eignen würden. Sympathisch ist noch AVRIL’s Triphop-Version von “Eisbär”, wenn die Sängerin Eve sich im Deutsch-Singen versucht. Oder das herrlich entspannte “Ice Baer” von READYMADE FC, die den deutschen Text kurzerhand ins Englische übersetzen. Auch der bekifften Schunkel-Version von “La Chanson Bleue” (MAGICRAYS) kann man durchaus noch was abringen. Andere Tracks verlieren sich irgendwo mit House-Spielereien und dumpfen Dance-Beats “im kalten Polar”.
Das gibt dann unter dem Strich zuwenig her, um wirklich zu begeistern. Lieber ab und zu mal wieder die SUNRISE TAPES-CD von GRAUZONE einschieben (oder, wer damals schon kaufkräftig war: eine der Vinyl-Scheiben auflegen), das tanzt sich auch ganz schön.