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eat the music

U2 - Achtung Baby

Aus aktuellem Anlass - mein absolutes Lieblingsalbum aller Zeiten:


30. Dezmber 1989, The Point Depot, Dublin, Irland. U2 spielen eines der letzten Konzerte ihrer umjubelten “Lovetown”-Tour. In den letzten zwei Jahren waren sie ununterbrochen auf Tour, haben den Erfolg ihres Bestsellers THE JOSHUA TREE voll ausgekostet. Es folgte ein Kinofilm (“Rattle And Hum”), und ihre erste Nummer 1-Single überhaupt (“Desire”). Im Laufe der Tour sangen sie mit einem Gospelchor (The New Voices of Freedom), sie besuchten Elvis Presleys Haus Graceland, sie nahmen Musik in den legendären SUN-Studios auf, spielten mit Grössen wie B.B. King (“When Love Comes To Town”), Keith Richards (“Silver And Gold”) oder Bob Dylan (“Love Rescue Me”). Sie unternahmen alles, um den Rock’N’Roll zu entdecken, ihn aufzusaugen, ihrer Vision von “Three chords and the truth” endlich auf die Spur zu kommen. Am Ende fielen sie mächtig auf die Schnauze. Die Kritiker, die THE JOSHUA TREE noch in den Himmel gelobt haben, zerrissen den Nachfolger RATTLE AND HUM in der Luft, U2’s erste Gehversuche im “alten” Rock’N’Roll wurden belächelt. Besonders der Sänger Bono galt Ende der 80er-Jahre so ziemlich als die uncoolste Person im Rockbusiness, der Rock-Messias hatte es eindeutig übertrieben. Am Ende der “Lovetown”-Tour, die U2 nochmal mit B.B. King und seiner Wahnsinns-Band vereinigte, merkte das die Band offenbar selber. Das Konzert aus Dublin wurde in alle Welt per Radio übertragen. Und so verkündete Bono vor einem Millionen-Publikum.

“This is the end of something for U2. (…) We have to go away and… dream it all up again!”

Und dann hörte man lange nichts mehr von Larry Mullen Jr, Adam Clayton, The Edge und Bono. Und dennoch passierte in der U2-Welt mehr als je zuvor.

Einfach war es nicht. Denn U2 als sich U2 Ende 1990 zusammen mit ihren Produzenten-Freunden Daniel Lanois und Brian Eno in den Hansa-Studios in Berlin trafen, hatten sie sich nicht weniger vorgenommen, als einen neuen U2-Sound zu definieren. Alles, was nach den “alten U2” klang, wurde gleich wieder verworfen. Es half auch nicht gerade, dass U2 noch gar keine Songs geschrieben hatten. Sie wollten einfach zusammen spielen, bis irgendwann einmal ein Song daraus entstand. So verbrachten sie endlose Tage in den Studios, schrummelten auf ihren Instrumenten herum, holten alte Songskizzen wieder hervor, verwarfen andere, Bono sang irgendwelche Worte über die Musik, ohne einen fertigen Text geschrieben zu haben. Von der Spontanität, die sich die Band während der letzten Tour angeeignet hatte, war nichts mehr zu spüren. Am Ende hatten sie X-Stunden Musik auf Bändern, und wussten nicht, was sie damit anfangen sollten. Zu allem Überfluss wurden ihnen diese Bänder auch noch gestohlen und tauchten im Mai 1991, also ein halbes Jahr vor Erscheinen des ACTHUNG BABY Albums, auf dem Schwarzmarkt auf. Die sogenannten “Achtung Baby Working Tapes” sind ein faszinierendes Dokument einer Band, die ihren Sound noch nicht gefunden hat. Besonders interessant ist es, wenn man in diesen Probeversionen bereits einige Teile der neuen Songs heraushört. Und etwas davon, nämlich “Wake Up, Dead Man”, nahmen U2 sogar erst 1997 richtig auf.

Dieser Vorfall schien U2 wenigstens endlich einen Tritt in den Hintern gegeben zu haben. Denn nun löste sich endlich der Knopf, aus den Sounds wurden endlich richtige Songs. Und daraus das wunderbarste Album, das je eine Band herausgebracht hat. Achtung, Baby.

ACHTUNG BABY, hat Bono einmal erklärt, sei der Sound “of four men chopping down the Joshua Tree”. Nun, so klang dann auch die erste Single “The Fly”. Laut, lärmig, ziemlich Radio-untauglich. Bono brabbelt irgendwas davon, dass jeder Artist ein Kannibale, jeder Dichter ein Dieb und ein Gewissen manchmal die Pest ist. Ziemlich harter Stoff. Ich hatte erst kurz zuvor die Band richtig lieben gelernt, am liebsten mochte ich “With Or Without You”. “The Fly”, dieser rockende Bastard, liess mich erst einmal ratlos.

Zugänglicher war da schon eher die zweite Single, “Mysterious Ways”. U2, die während ihrer Zeit in Berlin auch die Dancemusik kennen gelernt haben, präsentieren sich hier wahrhaftig tanzbar. Ein cooler Beat, zusammen mit einer funky Gitarre von Edge, dazu eine tolle Melodie - ein Meisterstück. “Mysterious Ways” war für mich die Türe in ein Album, das nicht gerade leichte Kost ist.

Die Reise in ACHTUNG BABY startet mit “Zoo Station”, einem guten Rocker, dem Berliner Bahnhof Zoo gewidmet. Es ist sicher kein Zufall, dass der Song David Bowies Song “Heroes” sehr ähnlich klingt. Der wurde schliesslich 1. auch in Berlin aufgenommen, 2. auch von Brian Eno produziert und war 3. Soundtrack zum Berlin-Drogenfilm “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”. Das Lied ist ein guter Start (und live sogar noch besser), legt den Boden, auf dem der Rest des Albums wächst.

Wenn Bono eines während seiner Studie des Rock’N’Roll gelernt hat, dann, dass die besten Rocksongs halt immer noch von Sex handeln. Daraus entstand wahrscheinlich “Even Better Than The Real Thing”, eine Preisung von Bonos Manneskraft (“Give me one more chance, and you’ll be satisfied”). Edges Gitarre kreischt hysterisch, Larry gibt den Beat vor zu einem unverschämten, aber guten U2-Song. Er wurde schliesslich zum ersten Dancefloor-Hit für U2, der Dancekünstler Paul Oakenfold gab dem Song mit seinen “Perfecto Remixes” ein schwitzendes, tanzendes Eigenleben.

“One” dürfte heute, mehr als ein Jahrzehnt nach Veröffentlichung von ACHTUNG BABY, wohl der einzige Song davon sein, der noch immer im (Format-)Radio gespielt wird. Wohl eine der schönsten und intensivsten Balladen, ein Liebeslied, das nie in den Kitsch abdriftet. Die Band hält sich zurück, Bonos Stimme sticht heraus, brüchig, ergreifend. Wer weiss, ob es U2 ohne dieses Lied noch geben würde.

Etwas schwieriger wird’s mit “Until The End Of The World”, ein Lied, das seine Kraft erst entfaltet, wenn man es ein paarmal gehört hat. Es geht um Verrat, um gebrochene Versprechen, offenbar inspiriert von Edges Scheidung, die kurz vor den Aufnahmen ihren Anfang nahm. Edges Gitarre ist es auch, die diesen Song zusammen hält. Live hat dieser Song in den letzten 10 Jahren seine wahre Qualität gezeigt: er ist ein wahres Monstrum.

Die meisten Kritiker bezeichneten “Who’s Gonna Ride Your Wild Horses” als den schwächsten Song auf der Platte. Wahrscheinlich, weil er am ehesten noch nach den “alten” U2 klingt. Aber damit tut man ihm Unrecht. “Horses” ist ein Liebeslied, das einem das Gefühl des Loslassens hinterlässt. Ganz interessant wird es, wenn man den Song mit Kopfhörern hört. Dann entfaltet sich besonders am Anfang ein ganz besonderes Sounderlebnis, die Streicher mit dem Schlagzeug auf der einen, die flehenden Gitarren auf der anderen Seite. Und in der Mitte Bonos Stimme (“You’re an accident, waiting to happen”). Solche Song-Unfälle dürfen U2 passieren, die kann man ihnen nicht übel nehmen.

“So Cruel” ist Ballade Nummer 2 auf dem Album. Sie besticht mit einem Beat von Larry, der schon fast Triphop-Qualitäten hat, ausserdem mit einer einfachen Piano-Basis. Die Produktion mit Streichern bleibt immer ein wenig im Hintergrund, so dass das Lied sich nie aufdrängt und deshalb den ersten Teil des Albums perfekt beendet. Denn jetzt eröffnet “The Fly” den düsteren Teil der Platte, der allerdings mit “Mysterious Ways” nochmal kurz aufgelockert wird.

Leise, wie der perfekte Soundtrack zu einem Herbstmorgen in der Stadt, schleicht sich zum Beispiel “Trying To Throw Your Arms Around The World” herein. Es ist einmal mehr ein Lied über verlorene Liebe, darüber, den Glauben in wahre Liebe verloren zu haben (“And a woman needs a man / like a fish needs a bycicle”). Ähnlich wie “So Cruel” drängt sich der Song nie auf, wird getragen von den Drums und einer wunderbaren Orgelmelodie, bleibt am Ende aber einfach intensiver und ist eines jener U2-Meisterwerke, die nie verblassen.

Wenn sich Bono schon bei “Trying To Throw…” verirrt hat, ist er in “Ulatra Violet (Light My Way)” vollends verloren:

“Sometimes i feel like i don’t know / sometimes i feel like checking out”.

Nach einem sphärischen Intro lässt The Edge seine Gitarren los, lässt ein Saitengewitter auf Bono niederregnen, und dieser singt um sein Leben:

Baby, baby, baby, light my way!”

Das klingt auf Papier ziemlich belanglos. Auf Platte und später auch auf der Bühne ist es einer der intensivsten Momente überhaupt. Es vermittelt das perfekte Gefühl des Nicht-Verstandenwerdens. Vielleicht liessen U2 deshalb an ihren Konzerten den Text dieses Songs auf den Videobildschirmen in Gebärdensprache übersetzen.

Von da an ist Bono desillusioniert (“What are we going to do now it’s all been said? / No new ideas in the house, and every book’s been read”). Und präsentiert das Herzstück der Platte, “Acrobat”. Auch das ein Lied, das man erst nach einigen Versuchen zu fassen kriegt. Es ist Bonos absoluter Liebling auf ACHTUNG BABY, es war ihm so wertvoll, dass sie “Acrobat” nie live gespielt haben. Edges Gitarre heult hier wie ein verwundeter Hund, und auch Bono scheint verletzt, illusionslos. Er scheint aufgegeben zu haben (“And i must be an acrobat / To talk like this and act like that”). Und zum Schluss immer wieder die verzweifelte Warnung “Don’t let the bastards grind you down”. Es ist so schön und traurig, es bringt einen zum Weinen.

Zum Schluss dann noch ein Abgesang auf die Liebe. “Love Is Blindness” beginnt mit einer Kirchenorgel, danach setzt die Band hauptsächlich mit Bass, Tamburin und Schlaghölzern ein. Bonos Stimme ist klar und deutlich im Vordergrund, bis zum grossen Gitarrensolo stört nichts die Verständlichkeit des Textes. Ein trauriges Lied, und dennoch hinterlässt es irgendwie ein paar Funken Hoffnung. Dies habe ich allerdings erst bemerkt, als 1993 Cassandra Wilson das Lied neu interpretierte. Es gibt noch andere Wege, diesen Text zu interpretieren.

ACHTUNG BABY also. Es katapultierte U2 in ein neues Jahrzehnt, liess sie zuerst einmal zwei Jahre lang durchdrehen auf ihrer genial-wahnwitzigen ZOO TV-Tour, später bei den POPMART-Konzerten grössenwahnsinnig werden. Erst zum Ende des Jahrtausends landeten sie wieder auf sicherem Rock-Boden. Aber obwohl auch später noch einmal Geniestreiche folgten - so intensiv und kompakt wie hier auf ACHTUNG BABY waren U2 nie wieder. Diese Platte wird immer einen grossen Platz in meinem Herz haben. Auch wenn sie dafür den Joshua Tree gefällt haben.