Tom Waits - Orphans (2006)

Weil am Dienstag neue Musik von Tom Waits erscheint - hier meine Review zu seiner “Orphans”-Compilation von 2006.

Es ist wahrscheinlich nicht gut, wenn man sich nach Erscheinen eines neuen Albums eines geliebten Künstlers wünscht, er würde noch immer die gleiche Musik machen wie früher. Denn schliesslich ist es immer gut, wenn sich Künstler weiterentwickeln, sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Aber genauso ist es mir bei Tom Waits’ REAL GONE (2004) gegangen: nach der ersten Euphorie über neues Waits-Material kam die Enttäuschung. Denn seine Experimente mit Schnaufen und Schreien als Beat, seine Verfremdung der eigenen Stimme, waren zwar interessant. Aber es hat mir nicht gefallen.

Nun: auch auf ORPHANS schreit und schnauft der Herr Waits. Besonders auf der dritten CD dieser Zusammenstellung von über 50 Songs aus den letzten paar Jahren: Demos und Outtakes, Beiträge zu Soundtracks und Samplern, die jetzt, teilweise komplett neu eingespielt, endlich ein Zuhause finden. Waisen eben.

Und was soll ich sagen: Es ist der Waits, den ich mir gewünscht habe. Besonders auf CD Nummer 2: da schwelgt und rumpelorchestert es wieder, dass es eine wahre Freude ist. Das schwelgerische “Never Let Go”? Herrlich. Die sexy Neu-Aufnahme von “Little Drop Of Poison” mit der singenden Säge im Hintergrund? Ein Meisterwerk. Das Gute-Nacht-Liedchen “You Can Never Hold Back Spring”? Ein Ohrenschmaus.

Trotzdem ist hier nicht nur Waits-Material versammelt, zu dem man getrost besoffen schunkeln kann. Auf der ersten CD gibt’s alles vom Rockabilly bis zum Blues, und Waits ist dort irgendwie überall zuhause. Auch im modernen Politsong: “Road To Peace” ist die Geschichte von einem jungen palästinensischen Selbstmordattentäter und einem jungen israelischen Soldaten und die Geschichte davon, wie sich ihre traurigen Wege kreuzen.

Am langweiligsten sind diese Waisen-Lieder dann, wenn Waits einfach nur ein bisschen krächzt (am besten noch elektronisch verfremdet) und das Lied auf der Strecke bleibt. Zum Glück hat’s auf ORPHANS aber genug Material, um solche Abschiffer aufzufangen. Schlussendlich zeigt sich: Tom Waits ist mit seinen 57 Jahren immer noch interessanter und wandlungsfähiger als mancher 25jähriger Jungspund mit Gitarre.

Vor ein paar Wochen hat Tori Amos auf A PIANO eine Retrospektive veröffentlicht - die Lieder nennt sie ihre “Mädchen”. Nun: die Waisenkinder von Tom Waits wachsen einem viel mehr ans Herz. Wer kann diesen dreckigen aber schnusigen Kleinen auch widerstehen?

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