15 x 2011

15 Songs aus 15 Alben von 2011, die mir bleiben werden, ohne spezielle Reihenfolge und mit dem Verweis, dass Geschmack halt Geschmackssache ist…

THEES UHLMANN
ZUM LAICHEN UND STERBEN ZIEHEN DIE LACHSE DEN FLUSS HINAUF
(Album: THEES UHLMANN) 
Der Deutsche macht als Solokünstler zwar wenig anders als mit seiner Band Tomte – er singt vom Aufwachsen in der Provinz, vom Ausziehen in die grosse Stadt, vom Leben und dem Lieben. Musikalisch irgendwo zwischen Indiepop und Bruce Springsteen trifft das meistens mitten ins Herz. 

THE DECEMBERISTS
DON‘T CARRY IT ALL
(Album: THE KING IS DEAD) 
Eine meiner Lieblings-Folkbands auf der Höhe ihres Schaffens.

JAMES GRUNTZ
AFTER ALL
(Album: UNTIL WE GET THERE) 
Einer meiner CH-Szene-Gäste in diesem Jahr. Der Grossneffe des bekannten Schweizer Jazzmusikers George Gruntz ist so talentiert, dass man neidisch wird. Hier meine CH-Szene-Sendung vom Herbst 2011.

RADIOHEAD
SEPERATOR
(Album: THE KING OF LIMBS) 
Plötzlich, Anfang Februar, war es da: das neue Radiohead-Album. Die Band, die sich weder um Veröffentlichungspolitik noch um Trends kümmert, ist 2011 so spannend und relevant wie noch nie in ihrer bald 20-jährigen Karriere – und das will was heissen.

BEN FOLDS
SLEAZY
(Album: BEST IMITATION OF MYSELF - A RETROSPECTIVE) 
Mein liebster amerikanischer Singer/Songwriter ist auch grossartig, wenn er die Songs anderer Künstler covert. Dieses Jahr ging er mit seiner exzellenten Band ins Studio mit dem Vorsatz, die aktuelle Nummer 1 der iTunes-Charts zu covern. Es war „Sleazy“, ein Lied  der Brachialpopdiva Ke$ha – und Folds machte daraus was eigenes.

NIELS FREVERT
ICH WÜRD‘ DIR HELFEN, EINE LEICHE ZU VERSCHARREN, WENN‘S NICHT MEINE IST
(Album: ZETTEL AUF DEM BODEN) 
Nur schon der Songtitel berechtigt dazu, in eine Jahres-Bestenliste aufgenommen zu werden. Und die Musik ist klasse. Gib mir gute, intelligente Popmusik mit deutschen Texten, und du hast mich im Sack.

JONATHAN JEREMIAH
HOW HALF-HEARTEDLY WE BEHAVE
(Album: A SOLITARY MAN) 
Für mich DIE Entdeckung des Jahres. Der Londoner mit der festen Stimme macht filigrane Soulpopfolk-Songs, die mich mit wunderbaren Streicherarrangements begeistern. Als wären die Burt Bacharach-70er Jahre nie zu Ende gegangen.

PETER GABRIEL
BLOOD OF EDEN (ORCHESTER VERSION)
(Album: NEW BLOOD) 
Der frühere Genesis-Sänger ist einer meiner Helden aus Teenagerzeiten. Nach seinem letztjährigen Cover-Projekt „Scratch My Back“ hat er dieses Jahr seine eigenen Songs aus über 30 Jahren mit Orchester neu aufgenommen. Das ist kein unnötiger Kitsch wie dies sonst bei solchen Pop-Orchester-Projekten der Fall ist, sondern alte Musik mit neuem Blut. „New Blood“, wie das Album heisst.

THE BIANCA STORY
AFRAID OF THE WORLD
(Album: COMING HOME) 
Die Band ist aus Basel, das Album zu diesem Song erscheint im Januar 2012. Ich wage schon jetzt die Prognose: eines der grossen Schweizer Pop-Highlights des nächsten Jahres (siehe auch meine CH-Szene-Sendung vom 15. Januar 2012).

TOM WAITS
GET LOST
(Album: BAD AS ME) 
Der 62-jährige Kauz legte noch einmal ein grossartiges Album vor. Er spielt darauf meisterhaft seine vielen Rollen: den geschlagenen Hund, den lallenden Trinker, den polternden Wutbürger, den komischen Kauz, den leidenden Liebenden oder, wie in “Get Lost”, den geilen Bock. Mehr dazu in meiner 3-Tweet-Review.

HERBERT GRÖNEMEYER
WÄRE ICH EINFACH NUR FEIGE
(Album: SCHIFFSVERKEHR) 
Ich hatte eines meiner ersten Popidole überhaupt schon abgeschrieben; Grönemeyers neues Album „Schiffsverkehr“ interessierte mich wenig. Als ich ihn für Radio 24 interviewen konnte, befasste ich mich trotzdem damit – und entdeckte den besten Grönemeyer seit Jahren. Mehr dazu in meiner Album-Review.

BOY
OH BOY!
(Album: MUTUAL FRIENDS)
A propos Grönemeyer: Diese beiden jungen Musikerinnen aus Zürich und Hamburg auf dem Weg zum perfekten Popsong sind bei Grönemeyers Grönland-Label unter Vertrag. Ich habe eine Schwäche für hübsche Frauen, die hübsche Popsongs singen. Und in diesem Jahr machte das niemand so perfekt wie BOY. Hört meine Verzücktheit auch in der CH-Szene-Sendung vom letzten Herbst…

ARCADE FIRE
SPEAKING IN TONGUES
(Album: THE SURURBS DELUXE EDITION) 
Erinnerungen an ein grossartiges, ekstatisches Konzert am Montreux Jazz Festival.

ELBOW
LIPPY KIDS
(Album: BUILD A ROCKET BOYS!) 
Ein Lied wie ein Streicheln auf der Wange, wie eine herzliche Umarmung, wie das perfekte Ende eines schönen Filmes. Der schönste Popsong des Jahres.

R.E.M.
WE ALL GO BACK TO WHERE WE BELONG
(Album: PART LIES, PART TRUTH, PART HEART, PART GARBAGE - 1982-2011) 
Als R.E.M. im März mit “Collapse Into Now” ihr bestes Album dieses Jahrtausends veröffentlichten, dachte ich, es sei der Beginn ihrer grossen Altersphase. Dabei wussten R.E.M. schon damals, dass es ihr letztes sein würde: im September gaben sie die Trennung nach 31 Jahren bekannt. Dies sind die letzten Klänge einer meiner Lieblingsbands.

Gitarre, Keyboard, Gitarrenkoffer, Tasse, Fliegenklatsche - fertig ist eine perfekte Radio-Live-Session von Ben Folds mit seinem perfekten Ke$ha-Cover “Sleazy”.

Herrlich: Ben Folds covert für eine Japan-Benefizaktion den Ke$ha-Song “Sleazy”. Den Song gibt’s auch bei Soundcloud.

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LIVE-FOTOS: 
Ben Folds Live in Berlin 2005
LIVE-FOTOS: Ben Folds Live in München 2007  
LIVE-FOTOS: Nick Hornby Live in Zürich 2006

Ben Folds, “Effington”. Grossartiger Song, grossartiges Arrangement.

If there’s a God
He’s laughing at us
And our football team

Ben Folds, “Effington” (2008)

Zum 80. Geburtstag von “Captain Kirk” William Shatner - hier seine grossartige Coverversion von Pulps “Common People”, die er 2003 zusammen mit Ben Folds und Joe Jackson aufnahm.

Ben Folds & Nick Hornby - Lonely Avenue (2010)

Mit diesem Album ist für mich ein feuchter Traum wahr geworden: einer meiner Lieblingsmusiker (Ben Folds) arbeitet mit einem meiner Lieblingsautoren (Nick Hornby, “High Fidelity”) zusammen. Herausgekommen ist ein wunderbares Album mit dem traurigsten Lied des Jahres.

Klar: auch Ben Folds schreibt tolle Texte, kleine Geschichten, die er perfekt in seine Pianosongs verpackt. Und trotzdem sind es erst einmal Nick Hornbys Texte, die einem auf “Lonely Avenue” auffallen. Hornby hat für seinen amerikanischen Freund ein paar grossartige Kurzgeschichten geschrieben. Zum Beispiel die Geschichte über den Teenager, der die Tochter der republikanischen Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin geschwängert hat und nun von einer Medienmeute vor seinem Haus belagert wird (“Levi Johnston’s Blues”). Oder jene herzzerreissende einer Mutter, die ihren Sohn in der Neujahrsnacht notfallmässig ins Spital einliefert (“Picture Window”). Oder die Geschichte von Claire, die ihren neunten Geburtstag zusammen mit ihren geschiedenen Eltern in einer Pizzeria feiert und sich vornimmt, sich nächstes Jahr nur noch Frieden auf Erden zum Geburtstag zu wünschen, während Papa die Kellnerin anbaggert (“Claire’s Ninth”). 

Es sind diese Texte, die “Lonely Avenue” wieder einmal zu einem Album machen, dass man konzentriert hören will, am besten mit dem Textbüchlein auf dem Schoss. Unterhaltend und kurzweilig wie die frühen Hornby-Bücher.

Ben Folds leistet einen fantastischen Job, diese Texte in die richtige Musik zu fassen. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er dabei die Musik dem Text unterordnet und nicht auf Biegen und Brechen versucht, mit wahnsinnigen musikalischen Einfällen zu trumpfen. Folds spielt auf “Lonely Avenue” einen warmen Seventies-Softpop, der sich selten aufdrängt (und nur in ganz seltenen Fällen ein bisschen langweilt). Erst beim zweiten und dritten Durchhören wird einem bewusst, wie ausgeklügelt Folds’ Arrengements sind. Zum Beispiel in “Belinda”, der Geschichte eines abgehalfterten Schmusesängers, der Abend für Abend Lieder über verflossene Geliebte singen muss. Hier zitiert Folds in der Strophe den Refrain des grössten Hits des Protagonisten, der gleichzeitig wieder der Refrain des eigentlichen Songs ist. Eine Meisterleistung, die trotzdem so leichtfüssig daherkommt wie die besten Elton John-Songs aus den 70ern.

Der Höhepunkt dieses Albums ist aber fast am Anfang, im zweiten Song, jenem über die Mutter mit dem kranken Kind im Spital. Der Song wird getragen von einer wunderbaren Pianomelodie, einem sanften Streicher-Arrangement und einem Refrain, der einem die Tränen in die Augen treibt:

“You know what hope is?
Hope is a bastard 
Hope is a liar, a cheat and a tease 
Hope comes near you, kick its backside”

Der Song sei schneller geworden, als er es sich gedacht habe, schreibt Hornby in seinen Liner Notes. Das bedeute aber nur, dass Ben einem das Herz noch früher brechen könne. Wie wahr.

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Ben Folds & Nick Hornby - Picture Window

Das traurigste Lied des Jahres - und ironischerweise eines der schönsten.

benfolds.com

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You know what hope is? Hope is a bastard Hope is a liar A cheat and a tease Hope comes near you - Kick it’s backside

Ben Folds / Nick Hornby “Picture Window”

Ben Folds - Supersunnyspeedgraphic (2006)

Der letzte Countdown zum neuen Album “Lonely Avenue” (VÖ 28.09.). Heute meine Review aus dem Jahr 2006.

Ich habe es, glaube ich, an dieser Stelle schon ein paar Mal gesagt. Aber nur so zur Sicherheit noch einmal, damit es klar ist: Ben Folds ist wahrscheinlich einer der zur Zeit besten und interessantesten Singer / Songwriter der Welt. Punkt.

Deshalb kriege ich von dem Mann auch nie genug. Weshalb es eigentlich eine Enttäuschung ist, dass auf SUPERSUNNYSPEEDGRAPHIC kein einziges neues Lied zu finden ist. Denn das ganze Material hat der Pianomann bereits vor drei Jahren veröffentlicht, noch bevor er SONGS FOR SILVERMAN(2005) auf den Markt brachte. Es waren schnell aufgenommene Songs, die Folds dann in regelmässigen Abständen als EP’s übers Internet veröffentlichte.

Dass die Songs jetzt nochmal als Album auf den Markt kommen, ist laut Folds keine Geldmacherei, sondern sein ausdrücklicher Wunsch. Denn erstens wollte er aus dieser Zeit eine CD haben, die er in der Hand halten konnte. Und zweitens würden viele interessierte Menschen diese Lieder vielleicht nie hören, weil sie sie nicht in der CD-Abteilung ihres Kaufhauses finden können.

Also lassen wir Folds seine Freude daran. Und freuen uns gleich mit. Denn SUPERSUNNYSPEEDGRAPHIC funktioniert auch als Album. Denn es ist erstaunlich, wie gut die Songs zusammenpassen und wie aus einem Guss klingen. Und ausserdem: für Komplettisten wie mich ist dieses Album sowieso ein Muss. Denn einige der Songs sind hier in neu gemischten Versionen vertreten.

Und die Songs? Die bestehen zur Hälfte aus perfekten Folds-Popsongs, so, wie man sie von ihm kennt. “All U Can Eat” wartet mit wunderbaren Harmonien auf und ist gleichzeitig im Text richtig schön satirisch beissend. “There’s Always Someone Cooler Than You” ist makelloser Feelgood-Pop, zu dem man wunderbar mitsingen kann (besonders am Schluss im “Cooler than yoooooouuuu!”-Chor). “Rent A Cop” beweist, dass Ben Folds ausserdem ein grandioser Arrangeur ist. “Still” (aus dem kürzlichen erschienenen OVER THE HEDGE-Soundtrack (2006) ist dagegen eine dieser perfekten Ben Folds-Balladen mit grossartigen Streichern. Und von den Sessions mit den beiden anderen Bens (Lee und Kweller) ist der herzzerreissende Song “Bruised” mit drauf, wahrscheinlich eines der besten Lieder, die Folds je geschrieben hat.

Die andere Hälfte der Songs sind Coverversionen: DIVINE COMEDY (wunderbar: “Songs Of Love”), THE CURE (ausgelassen melancholisch: “In Between Days”) oder THE DARKNESS (zwar witzig, aber nach einmal hören eher langweilig: “Get Your Hands Off My Woman”). Ausserdem darf natürlich “Bitches Ain’t Shit” nicht fehlen - bei Folds wird die frauenverachtende Rap-Tirade von Dr. Dre und Snoop Doggy Dog zur Ballade über einen Typen, der von seiner Freundin (oder von seiner “Ho’”) immer wieder betrogen wird. Ein absolutes Highlight.

Deshalb: lassen wir Ben die paar Batzeli fürs Weihnachtskässeli und geniessen die Musik, die er uns unter den Christbaum gelegt hat. Und hoffen darauf, dass er irgendwann auch mal wieder die Schweiz mit seinem Besuch beehrt (auf der Europa-Tour im Februar macht er nämlich einmal mehr wieder nicht bei uns Halt, weshalb ich nach München ausweichen muss).

benfolds.com

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Ben Folds Live in Berlin 2005
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Ben Folds - Learn To Live With What You Are

Ben Folds - Over The Hedge Soundtrack (2006)

Eine weitere Ben Folds-Review - in freudiger Erwartung seines neuen Albums.

Wenn man einen Künstler so sehr mag wie ich Ben Folds, dann freut man sich über das kleinste Bisschen Musik, das er uns hinwirft. Auch wenn es “nur” sieben Songs sind (zwei davon zwei Versionen eines Liedes, das er schon 2001 veröffentlicht hat und ein weiterer einfach eine Reprise), die er für einen Trickfilm geschrieben hat.

Ich habe es an dieser Stelle schon einige Male gesagt: Ben Folds ist der derzeit beste lebende Songwriter. In seiner Musik verbindet er mit unglaublicher Leichtigkeit intelligenten Humor, Melancholie und Revolte gegen das Pop-Establishment. Grossartige Melodien, grossartige Harmonien, grossartige Songs.

Nun muss man natürlich schon ein wenig Angst haben. Schliesslich hat Ben Folds erst kürzlich eine Konzerttour mit einem Symphonie-Orchester absolviert, das ist bei vielen anderen Bands oftmals der Anfang vom Ende. Bei Folds zum Glück nicht, die Songs passten perfekt ins Orchestergewand. Aber jetzt auch noch eine Soundtrackarbeit? Wird Ben Folds zum neuen Randy Newman: ein weiterer Pianoplayer, der einst wunderbare Songs schrieb und jetzt nur noch schmissige Lieder für Trickfilme am Laufband produziert?

Im Fall von OVER THE HEDGE (die Musik zum Film mit den Eichhörnchen und Schildkröten, die in Supermärkte einbrechen und in Gärten gegen fiese Schädlingsbekämpfer kämpfen) kann man beruhigt sein: die Songs sind zwar opulent orchestriert, aber nie überladen.

Es sind klassische Folds-Songs: mitreissende Up-Tempo-Nummern mit sensationellen Harmonien, schwelgerische “Balladen” mit Tiefgang. Da wäre zum Beispiel “Lost In The Supermarket” (im Original von THE CLASH): Dreieinhalb Minuten mit grossem Schlagzeug und Bläsern im Hintergrund, Drummer und Bassist singen in den Strophen ebenfalls mit. Dazu liefert Ben eine herrliche Pianobridge, die mitreisst. Auch “Heist” lässt einen sofort mit dem Fuss wippen: der Song erinnert an seine schnellen Songs von seinen EP’s vor drei Jahren, der “Da-da-da-da”-Refrain ist sensationell. Im Text fokussiert Ben ganz klar aufs Kinderpublikum, es ist schliesslich ein Familienfilm: “We make a good team, 
me and you, we do / You could scratch my back / And I’ll scratch my back too”. Das ist nicht hohe Folds-Schule, stört aber auch nicht.

Zu den Up-Tempo-Songs gehört auch “Rockin’ The Suburbs”, der Hit aus seinem Solodebüt von 2001. Aus dem zynischen Song über wütende weisse Musiker, die wütende weisse Musik für ein wütendes weisses Publikum machen, ist hier ein Lied über das Nachbarschaftsleben in einer typischen US-Vorstadt geworden: “We’re rocking the suburbs / Around the block just one more time / We’re rocking the suburbs  / Cause I can’t tell which house is mine” (und natürlich verzichtet er auf die “Fuck”-Orgien, die er bei den Liveshows jeweils zelebriert…). Der Höhepunkt des Songs ist natürlich William “Captain Kirk” Shatner als Nachbar Bill, der nach zweieinhalb Minuten seinen Sprechgesang-Auftritt hat. Genial, wie er innerhalb von nicht einmal einer Minute vom netten Nachbarn zum brutalen Psychopathen mutiert, der die Familie von nebenan in Grund und Boden schreit. Daneben ist der 2006-Remix des Songs (ohne Shatner), in dem Folds einen auf pseudomodern macht (Scratching, künstliches Händeklatschen, Synthesizer), einfach nur ein müder Abklatsch und völlig unnötig, die Schwachstelle des Albums.

Wären da noch die Balladen: “Family Of Me” ist melancholischer Folds, wie wir ihn lieben (tolles Intro, unschuldige Piano-Strophe, schöne Harmonien im Refrain), allerdings hat man das Thema von ihm schon einige Male besser gehört als hier. Und, typisch Soundtrack: nach anderthalb Minuten ist der Song vorbei. Besser gefällt da “Still”, wahrscheinlich das grosse “Love Theme” des Films: ähnlich wie im wunderschönen “The Luckiest” singt Ben davon, dass er nicht perfekt ist, nicht alle Antworten kennt. Da ist es nur logisch, dass er im schönen Refrain nicht mehr als “Ladadada” zu singen hat. Ein tolles Lied, das danach noch einmal in einer sechseinhalbminütigen Reprise auftaucht. Die ist dann noch soundtrackiger: Takt für Takt kommen mehr Instrumente dazu: Drums, erste Geigen, dann immer mehr, bis schliesslich das ganze Orchester und ein Chor mitmischen. Zuviel für meinen Geschmack, aber dem Song schadet es nicht gross.

Das wäre es also: das jüngste Lebenszeichen meines liebsten US-Songwriters. Viel ist es nicht, ein Meisterwerk sicherlich auch nicht. Aber es verkürzt uns die Wartezeit bis zum nächsten richtigen Ben Folds-Album, das frühestens im Frühling 2007 erscheint. So long, Ben. Don’t get lost in the Hollywood supermarket.

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LIVE-FOTOS: Ben Folds Live in Berlin 2005
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Ben Folds - Still (From “Over The Hedge”)

Ben Folds - Songs For Silverman (2005)

Countdown zum neuen Ben Folds-Album “Lonely Avenue” (VÖ 28.09.). Heute meine Review zu “Songs For Silverman” aus dem Jahr 2005.

Ganz klar: ROCKIN’ THE SUBURBS(2001) war ein absolutes Meisterwerk. Eine Platte voller wunderbarer, schöner, lustiger, melancholischer, origineller Wahnsinns-Popsongs. Besser wurde es 2001 nicht mehr. Ben Folds’ neue Platte konnte einfach nicht mehr so gut werden, das ist einfach unmöglich. Und wahrscheinlich auch gut so.

Auch klar: Stilistisch hat sich Folds eigentlich gar nicht gross verändert. Er ist immer noch der Pianoman, der Songs schreibt, wie sie Pianomen eben schreiben: Viel Elton und Billy, ein Schuss BEATLES mit den Chören von ELO. Und dennoch: das gewisse Etwas gibt’s eben nur bei Herrn Folds. Und das macht auch SONGS FOR SILVERMAN zum Hörgenuss. Man muss sich bloss die Zeit dafür nehmen, denn die Songs springen einen nicht mehr einfach so an wie auf dem Vorgänger. Und beim ersten Hören merkt man auch: Der Mann ist nochmal ein paar Jährchen älter geworden, hat geheiratet, ist Vater. Die Songs sind nochmal etwas melancholischer geworden.

Steigen wir also ein in die Lieder für den Silbermann. “Bastard” ist Folds in Reinkultur: ein einfaches, catchy Piano-Intro, seine ruhige Stimme setzt ein, im Refrain kommen die Chöre, die Drums, die anderen Instrumente. Und von dort baut der Song auf. Von diesen schönen hat’s jede Menge auf der Platte. Auch “You To Thank” ist so einer. Oder das herrliche “Trusted”, das in seinen schönsten Momenten an “Fred Jones Part Two” erinnert, und das ist immer gut. Dieser Mann scheint sich die Melodien einfach so aus dem Ärmel zu schütteln. Und offenbar weiss er auch immer, wieviel Instrumentierung und Chorsätze solche Lieder vertragen. Das erwähnte “Trusted” hat viel von allem, und es ist nie zuviel.

Es sind eigentlich alles Balladen hier auf diesem Album. Balladen über die Liebe (verlorene und gewonnene), über die Familie, über Amerika (ganz toll “Jesusland”), über das Leben. Ben Folds schafft es immer wieder, den Hörer ganz nah an sich heran zu holen. Bestes Beispiel ist das Schlaflied “Gracie”, das er für seine Tochter geschrieben hat. Aus jedem Pianoklang hört man die Liebe heraus (“You’ve got your mama’s tastes / but you’ve got my mouth”). Und trotzdem drifted er nie in den Kitsch ab, eine Gefahr, der solche Songs gerne erliegen. Folds findet auch in solchen Momenten den Rank, bricht die Situation mit Ironie: “You’ll be a lady soon / but until then / you gotta do what I say”.

Gegen Schluss franst die Platte etwas aus. Sie wird etwas zu ruhig, die Songs glänzen nicht mehr ganz so schön. Auch wenn sie ergreifende Tribute an den verstorbenen Singer / Songwriter Elliot Smith (“Late”) oder luftige Mixturen aus BEATLES-Songs wie “Fool On The Hill” und “When I’m Sixty-four” sind (“Sentimental Guy”). Zum Glück hat’s fast zum Schluss mit “Time noch einmal ein richtiges Folds-Meisterstück. Eine traurige Melodie, schön instrumentiert, wunderbare Drums, herrlicher Chor, ausserdem ein Outro, für das man gerne sterben würde.

Sowas schafft nur Ben Folds. Wenn man sich einfach die Zeit nimmt, ihm auch wirklich zuzuhören.

benfolds.com

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Ben Folds Live in Berlin 2005
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Ben Folds - Landed