Heute vor 20 Jahren: mein erstes U2-Konzert

Mein erstes U2-Konzert heute vor genau 20 Jahren (siehe Ticket) war gleichzeitig auch mein allererstes Konzert im Zürcher Hallenstadion. Eine doppelte Premiere also - trotzdem erinnere ich mich nur noch an Bruchstücke des Abends.

Was klar ist: ich war 15 Jahre alt und ein noch ganz frischer U2-Fan. 1991 hatte ich U2 erst so richtig kennengelernt, dank dem euphorischen “Rattle And Hum”-Album. Als im Herbst darauf das monumentale “Achtung Baby”-Album erschien, war ich erst ziemlich verwirrt. U2, die ich erst kurz zuvor als die sendungsbewussten Rockstars mit viel Pathos und schlechter Kleidung kennengelernt hatte, waren nun plötzlich eine Band, die das Rockstar-Leben in allen Zügen zu geniessen schien - und die einen Sänger hatte, der sich offenbar die Sonnenbrille auf die Nase geleimt hatte (erst viel später merkte ich, dass Bono damit den “Rockstar-Bono” schuf, ohne den er vielleicht nicht so lange durchgehalten hätte).

Es war die Zeit vor dem Internet. Von Konzerten erfuhr man als erstes aus dem Radio und aus dem BLICK, die Tickets bestellte man per Brief mit einem Talon, den man aus der Zeitung ausgeschnitten hatte. Wenn ein Konzert nach 3 Tagen ausverkauft war, war das eine Sensation. U2 im Hallenstadion 1992 waren absolut ausverkauft, und ich und meine Kollegin Andrea hatten keine Tickets, als wir uns an diesem sonnigen Mai-Abend in den Zug nach Oerlikon setzten. Zum Glück hatte Andrea bereits Konzerterfahrung und wusste: auf dem Schwarzmarkt gibt’s immer Tickets. Und so kaufte ich mein Ticket für mein erstes U2- und und Hallenstadion-Konzert draussen auf der Strasse für 80 Franken - das war fast das Doppelte des eigentlichen Eintrittspreises von 45 Franken.

Ich erinnere mich noch an das Kribbeln, das mich erfasste, als wir danach auf das Hallenstadion zumarschierten, vorbei an den vielen Leuten, an den Merchandising-Ständen, wo ich nach dem Konzert noch einen dieser Textilaufnäher kaufte (meine Mutter musste mir den dann an meine schwarze Jeansjacke nähen), hinein in die Halle.

Nummerierte Sitzplätze gab’s damals noch nicht, man konnte sitzen und stehen, wo man wollte. Wir platzierten uns rechts von der Bühne auf der Rennbahn, da hatte man einen guten Blick auf die Bühne.

Ich erinnere mich an die Vorband, die Iren FATIMA MANSIONS, die ich ziemlich langweilig fand. Das Publikum pfiff sie gnadenlos aus - U2-Publikum ist da ziemlich radikal…

Ich erinnere mich an den DJ BP Fallon, der nach der Vogruppe einen der buntbemalten Trabbis bestieg, die rund um die Bühne von der Decke hingen. Dort drin legte er Bob Marley und Jimmy Cliff auf und rief dazwischen zu Safer Sex auf. Ich fühlte mich sowas von erwachsen.

Vom U2-Auftritt habe ich noch die Euphorie in Erinnerung, die ich während der 2 Stunden fühlte - die Show und diese Musik zog mich in ihren Bann. Vielleicht ist deshalb die “Zoo-TV”-Tour für mich immer noch die ultimative U2-Tour - dieses Level an Relevanz und Wahnsinn erreichten U2 später nie mehr. 

Ich erinnere mich an Bonos 1. Auftritt vor den flackernden Videowänden. Wie er später mit einer riesigen Fernbedienung durch die Kanäle zappte. An den Unplugged-Teil mit den alten Hits in der Mitte des Sets. Wie U2 einen Trabbi wie eine Disco-Spiegelkugel in der Mitte der Halle in die Luft zogen und dazu ABBA’s “Dancing Queen” sangen.

Die gesamte Setlist des Konzerts gibt’s hier. Und von dem Gig gibt’s sogar Bootlegs. Die Kritik des Tages-Anzeigers gibt’s hier, und die Kritik der NZZ hier. 

Es war ein einschneidendes Erlebnis für mich, dieses Konzert, mein erstes U2-Konzert. In den folgenden 20 Jahren sah ich U2 noch 14 weitere Male in verschiedenen Ländern und Stadien. Und auch im Hallenstadion sah ich noch dutzende weitere Konzerte. Nur wenige können es mit diesem 27. Mai 1992 aufnehmen. The first cut is the deepest.

u2.com

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Lambchop - Damaged (2006)

Das gibt’s wirklich: Stillstand auf hohem Niveau. Kurt Wagner und seine Könige der stillen Töne beweisen es auf DAMAGED eindrücklich (und überraschen uns zum Schluss noch ganz gehörig).

IS A WOMAN (2002) ist meiner Meinung nach noch immer das unbestrittene LAMBCHOP-Meisterwerk: viele feine Balladen, mal ein bisschen Country, mal fast schon Jazz oder Blues, immer wunderbar instrumentiert, sorgfältig gespielt, Kaminfeuermusik vom Feinsten. Und Wagners Stimme: kaputt, klagend, brummelnd, kippend, heiser. Die letzte Platte (ein Doppelalbum) war schon fast zuviel des Guten (besonders, weil nicht nur Gutes drauf war). Doch nun sind LAMBCHOP in neuer Frische zurück - offensichtlich brauchte es die schwere Krankheit von Kurt Wagner, um wieder auf das richtige musikalische Ziel zusteuern zu können.

Auch DAMAGED ist eine Schaukelstuhlplatte, schon vom ersten Lied an  (“Paperback Bible” mit der schönen Zeile “You can turn me on / Almost any day at noon”) wird man wunderbar in ein sanftes Soundgewand eingepackt: ein paar Gitarren hier, ein warmes Piano da, Bass und und ein paar Streicher dort, und Kurt ist so nah am Mikrofon, dass man jedes Schmatzen in seinem Mund hören kann. So klingen 7 Minuten und 48 Minuten im Himmel.

Und die Platte bleibt praktisch immer auf diesem Niveau. Mal ist’s etwas gar behäbig (“Beers Before The Barbican”), manchmal herrlich obskur (“Rise And Fall Of The Letter P”). Aber immer zeigt sich die grosse Stärke dieser Band: sie bleibt bei allem Gefühl, bei all den den Emotionen trotzdem entspannt. LAMBCHOP wissen, wie viele Töne genügen.

Und zum Schluss gibt’s dann noch die Hass-Tirade “Decline Of Country And Western Civilisation” - ein sensationeller Schlusssong, in dem LAMBCHOP die eben erwähnte Formel gehörig durcheinanderbringen: Mit Paukenschlägen beenden sie das Schläfchen auf dem Schaukelstuhl, Kurt rappt schon beinahe über ein nervöses Gewimmer der Streicher (“Damn, they’re looking ugly to me!”), ab und zu gibt’s ein paar Sekunden Verschnaufpause mit Piano, danach wieder einen Tritt in den Hintern - am Schluss, wenn Kurt vershönlich singt “You’re good looking!”, kann man gar nicht mehr anders als sich ergeben. Ein starkes Stück LAMBCHOP.

Lambchop - Awcmon / Noyoucmon (2004)

Weil ich gerade Lust auf Lambchop habe - meine Review ihres Doppelalbums von 2004.

Diese Platte, ja die Musik von LAMBCHOP zu beschreiben, ist irgendwie nicht ganz möglich. Hier deshalb erstmal die Facts: Der Output von Kurt Wagner und seinem guten Dutzend Bandkollegen war diesmal so gross, dass es gleich für 2 CD’s reicht. Das Doppelpack wurde von den Musikmagazinen mit Lob überschüttet und dann auf den Jahresend-Listen doch vergessen. Und das ist schade. Das lustige an dieser Platte ist: Sie ist eigentlich lauter als der Vorgänger IS A WOMAN (2002). Aber trotzdem fallen diese Songs weniger auf. Sie sind der perfekte Soundtrack für eine Fahrt im offenen VW-Käfer an einem hellen Sommertag. Und Wagner kratzt dann in seiner unverwechselbaren Stimme die Sahne oben weg. Aber eben: reinhören sagt mehr als meine Worte.

Heute auf dem Plattenteller: das wunderschöne “Gone Tomorrow” von Lambchop. Die Streicher am Ende des Songs erinnern mich an das Outro von U2s “All I Want Is You”.

Bob & Red Project - Melt

 

Ich bin ein Freund der sanften Töne - und diese Töne von Bob & Red Project aus Burgdorf BE berühren mich. Sehr hübsch.

Dass ich über vier Jahre lang eine Sendung für Schweizer Musik betreute und die Musik der estnisch-schweizerischen Künstlerin Ingrid Lukas nie kennenlernte, ist fast ein Skandal. So hörte ich den Namen Ingrid Lukas erstmals im November 2011 ausgerechnet aus dem Mund von DJ Tatana, die mit ihr ein Featuring aufgenommen hatte. Es brauchte aber die schwärmerischen Videoblogs von Robin Rehmann (zum Beispiel diesen hier), dass ich endlich in ihr formidables Album “Silver Secrets” reinhörte.

Es sind Songs, die spielend zwischen federleicht und zentnerschwer hin- und herpendeln. Songs, die bei Björk, Feist & Co. in die Schule sind, dann aber auf dem Heimweg ihren eigenen Weg eingeschlagen haben. Die Mischung aus Pop, Jazz, estnischem Folk, Loops, Orchesterarrangements und grossen Chören könnte kolossal misslingen - tut es aber nie.

“Drive”, der stilisierte Rache-Thriller mit Ryan Gosling, besticht mit einer grossartigen 80er-Ästhetik und mit einem entsprechenden Soundtrack. “A Real Human” von College feat. Electric Youth hat’s mir besonders angetan.

Züri West - Göteborg (2012)

Die Hits schenkt Herr Lauener anderen Berner Künstlern. Macht nichts - dafür sind Züri West auf diesem Album so vielfältig wie noch nie.

In den Texten der neuen Songs hat die Gitarre einige Auftritte. In „Gitarre-Johnny“ wird sie gebraucht, um sich zu betäuben, um sich und die verflossene Liebe zu vergessen. In der wunderbaren Jarvis Cocker-Coverversion „När bring i wieder öpper um“ ist die Gitarre das Instrument des Spiessers, der mit seinem Mani Matter-Repertoire zeigen will, dass er es immer noch draufhat. Und in „Chliini Gibson“ kauft sich der Protagonist eine wertvolle alte Gitarre, nur um festzustellen, dass sie zwar schön aussieht, aber, “ehrlech gseit”, beschissen klingt.

Dieser inhaltliche Bezug auf die Gitarre ist insofern interessant, als dass die Gitarre in der Musik von Züri West 2012 keine so grosse Rolle mehr spielt. Züri West sind schon seit Ende der 90er-Jahre, seit „Super 8“, keine typische Gitarrenband mehr. Die Gitarre ist wohl noch Bestandteil des Bandsounds, ist aber gleichberechtigt mit Örgeli, Piano, Streichern oder Bläsern (sehr prominent diesmal). Nur manchmal, zum Beispiel im bereits erwähnten „Gitarre-Johnny“, drehen die Züris die Gitarrenverstärker auf, „drücked ab“, wie es heisst. Sonst kommt „Göteborg“ sehr entspannt daher – und das ist gut so. Kuno Lauener & Co. sind jetzt alle um die 50, haben Frauen und Kinder. Der Sound ist mit ihnen (und mit uns, den Hörern) älter geworden.

Trotzdem fehlen die typischen Züri West-Soundelemente nicht auf „Göteborg“ – und immer wieder mal hört man ein Zitat heraus, eine Referenz an frühere Züri West-Songs. Die wunderbare Plattenladen-Romanze „Rain Dogs Learning To Crawl“ (einer der schönsten Züri West-Songs der Neuzeit) könnte ein Geschwister von „Abspann“ (1991) sein. Aus dem Intro von „3027“ hört man die „Echo“-Akkorde heraus, aus „Göteborg“ jene von „Ei einzigi Sekunde“ (2008), „50 Wörter“ erinnert (musikalisch und inhaltlich) stellenweise an „Monster“ (2001). Diese Selbstzitate stören überhaupt nicht. Ähnlich wie bei R.E.M. letztes Jahr ist es ein Bekenntnis zum Weg, den diese Band in den letzten fast 30 Jahren zurückgelegt hat.

Die Band spielt so sorgfältig wie noch nie. Jedes Stück erhält genau den Sound, den es braucht. Und dabei gelingen ihr ein paar meisterhafte Kompositionen. Die Musik dient aber klar auch den Texten von Kuno Lauener. Dieser ist wie vor 4 Jahren beim Spätmeisterwerk „Haubi Songs“ einmal mehr absolut auf der Höhe seines Könnens. Schon immer waren seine Texte sehr schlank – auf „Göteborg“ sind sie noch dichter, noch entschlackter. Kuno bringt’s auf den Punkt – ohne viele Wörter. Manchmal reichen ihm sogar nur deren 50, um im Song „50 Wörter“ ein kleines Drama zu erzählen. Gerade dieser Text beweist, wie gerne Kuno auch mit seiner Rolle als Texter spielt. Dem Protagonisten von „50 Wörter“ zeigt er mit (höchstwahrscheinlich) tödlichen Folgen, welche Macht er als Texter hat. „Pinsuschwinger“ (auch musikalisch ein wahres Wunderwerk) braucht nur wenige Pinselstriche, um eine abgründige Beziehungsgeschichte zu beschreiben. Meisterhaft schlüpft Kuno auch diesmal wieder in Rollen. Zum Beispiel in „Mängisch rütscht’s eim eifach us de Händ“ – Kuno gibt hier den Vampir und verschreibt dem seit „Twilight“ viel zu kuscheligen Genre wieder den nötigen Schuss Psychothriller. Überraschend ist „3027“ – Kuno gibt bei sich zuhause in Bern-Betlehem den Sonnenuntergangsromantiker, der vor dem „Chef“ im Himmel oben den Hut zieht. Es ist diese Offenheit, die diesen Song schon jetzt zu einem neuen Liebling bei vielen Züri West-Fans macht.

„Göteborg“ ist die logische Fortsetzung von „Haubi Songs“. Ein entspanntes Album einer Band, die genug erlebt und geleistet hat, um nicht mehr allen Ansprüchen genügen zu müssen. Wer Hits zum Mitsingen will, der kriegt die ganz sicher an den Konzerten, Züri West sind keine Hitverweigerer. Aber auf Platte brauchen sie das nicht mehr. Und so ist “Göteborg” eines ihrer musikalisch reichsten Alben geworden.

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The Beatles - Love (2006)

Und hier noch meine Review des Beatles-Remix-Albums. Ein bisschen gar euphorisch war ich damals schon, aber grundsätzlich stehe ich immer noch dahinter.

Oh, es hätte verdammt schlecht herauskommen können. Ich meine: Der böse CIRQUE DU SOLEIL, Liebling all jener Benissimo-Zuschauer, die sich an Weihnachten jeweils auch solchen Schrott wie SALTO NATALE oder jetzt dieses bescheuerte QUEEN-Musical anschauen, ausgerechnet also diese Las Vegas-Truppe macht eine Show mit Songs der BEATLES. Und wenn man sich die Bilder der Show ansieht, dann ist die wahrscheinlich auch Schrott.

Zum Glück ist wenigstens der Soundtrack dazu sensationell. Und das liegt am Konzept. BEATLES-Produzent George Martin hat nämlich zusammen mit seinem Sohn die Originalbänder aus dem Archiv geholt, einfach mal gehörig auseinandergschnippselt - und dann neu wieder zusammengesetzt. Das Ergebnis ist faszinierend. Quasi ein einziger grosser BEATLES-Remix, besser noch als die schon sehr guten Bastard-Remixe, die zum Beispiel das Produzententeam von GO HOME PRODUCTIONS zusammengestellt hat.

Auf LOVE gehört plötzlich zusammen, was bislang noch nie zusammengehört hat. Und dennoch passt es perfekt. Da geht “Drive My Car” nahtlos zu “The Word” und “What You’re Doing” über, dazwischen hat’s noch das Gitarrensolo von “Taxman”. Den “Sun King” lassen Vater und Sohn einfach rückwärts laufen, was das wunderschöne “Gnik Nus” ergibt. “For The Benefit Of Mr. Kite” klingt zusammen mit “Helter Skelter”-Samples noch bedrohlicher als im Original. “Blackbird” wird als Intro zu “Yesterday” verwertet. Und das Orchester von “Goodnight” wird kongenial unter Ringos Gesangsspur von ”Octopussy’s Garden” gelegt, was herrlich sehnsüchtig klingt. Die ”Lady Madonna” vereinigt sich mit dem wilden “Hey Bulldog”, und am Schluss von “Come Together” wird die Gitarre von “Dear Prudence” eingespielt, als sei sie schon immer dort gewesen. Am interessantesten ist einmal mehr ”Strawberry Fields Forever”. Als Grundlage nehmen Martin & Martin eine der Demoversionen, nur John und seine Gitarre. Und dann laden sie Spur um Spur immer mehr drauf: den Chor “Baby You’re A Rich Man”, die Trompeten von “Sgt. Peppers Lonely Heart’s Club Band” und “Penny Lane”, das Klavier von “In My Life”, das “Piggies”-Cembalo - und darüber kommt noch die Gesangsspur von “Hello Goodbye” - absolut herrlich. Natürlich ist das hochgradig blasphemisch - aber es macht unglaublich Spass.

Und selbst wenn an den Originalen nicht sonderlich viel verändert wird (wie zum Beispiel bei “Revolution” oder “I Want To Hold Your Hand”), so wurden die Songs doch fein säuberlich aufgefrischt - so gut und klar haben die BEATLES noch nie geklungen. Was es nur noch unverständlicher macht, weshalb nicht endlich alle Alben geremastered und wiederveröffentlicht werden, am besten auf DVD-Audio im schönen 5.1-Sound.

Aber wie gesagt: von der CIRQUE DU SOLEIL-Show würde ich die Finger lassen. Der LOVE-Soundtrack genügt völlig.

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Paul McCartney - Chaos And Creation In The Backward (2005)

Aus dem aktuellen Anlass des McCartney-Konzerts im Hallenstadion hier meine Album-Review von 2005.

Ganz ehrlich, wahrscheinlich mag ich die BEATLES vor allem wegen Paul McCartney. Nicht wegen ihm als Person unbedingt, da ist er mir ein wenig zuviel Prozac. Aber musikalisch liegt er mir am nächsten. Ich meine: “Eleanor Rigby”? Verdammtes Meisterwerk, der beste BEATLES-Song überhaupt. “Lady Madonna”? Geil. “Helter Skelter”? Fucking great. Da kann er noch so viele “Obladi Oblada’s” schreiben, nichts erschüttert meine Hochachtung vor diesem Künstler. Allerdings, auch wenn das jetzt wohl einer der abgedroschensten Sätze ist, den man über Macca sagen kann: In seinen Solojahren hat er nicht mehr viel Substanzielles geschrieben. “Live And Let Die” und “Maybe I’m Amazed”, fertig. Sorry, Yves.

Da freut es einen doch, zu lesen, dass sich Paul McCartney für sein neues Album den RADIOHEAD-Produzenten Nigel Godrich ins Studio geholt hat (auf Anraten von George Martins Sohn notabene). Und dass er sich entschlossen hat, alle Instrumente selber zu spielen.

Herausgekommen ist nicht etwa ein karges Album à la Springsteens NEBRASKA (1982), sondern ein erfrischend luftiges Popalbum. Warm produziert, erinnert es ein wenig an Johnny Cashs Arbeiten mit Rick Rubin bei den AMERICAN RECORDINGS. Und die Songs: sie klingen so sehr nach McCartney, dass einen eigentlich langweilen sollte. Tut es aber lustigerweise nicht.

Der Opener “Fine Line” zum Beispiel könnte man leicht als “Lady Madonna”-Kopie und typischen Macca-Schunkelsong abtun. Aber da überhört man schändlicherweise den fiesen Groove, den Paule mit ein paar wenigen Klavierakkorden, Schlagzeug und Bass erzeugt. Besonders in der Bridge klingt das toll. Und “Jenny Wren” hat McCartney schon selber als ‘Tochter von “Blackbird”’ beschrieben, aber es ist trotzdem ein schöner, eigenständiger Song. Und zum Glück zu Ende, bevor einem Maccas Kopfstimme auf den Kecks geht.

Es ist auf diesem ganzen Album so: McCartney ist einfach er selber, kümmert sich nicht gross darum, revolutionär neues auf die Welt zu bringen. Auch widerstand er der Versuchung, Godrich für eine RADIOHEAD-ähnliche Produktion zu missbrauchen, um sich etwas Credibility zu holen. Und gerade deshalb klingt alles auf dieser Platte richtig.

Und so holt er auch hemmungslos die BEATLES wieder hervor: “Promise To You Girl” klingt nicht nur ein wenig, sondern ganz fest nach dem Medley auf der B-Seite von ABBEY ROAD (1969). Man hört die verschiedensten BEATLES-Songs heraus: “Because”, “Lady Madonna”, “The Long And Winding Road”, “The End”, “While My Guitar Gently Weeps”, “Fool On The Hill”: alles ist dabei. Aber es reisst mit.

Klar gibt’s auch Abschiffer. “This Never Happened Before” zum Beispiel, das von einer Phil Collins-Drummaschine unterlegt ist, obendrauf sind Streicher gekleistert. Lustig eigentlich, dass gerade McCartney, der über drei Jahrzehnte darum gekämpt hat, dass man endlich die Phil Spector-Streicher von LET IT BE (1970) entfernt, hier keine Scheu vor dem Orchester zeigt. Auch “At The Mercy” fällt ein wenig ab, wirkt monoton, wenig spannend. Und “Friends To Go” ist dann schliesslich die Banalität, die “Fine Line” nicht geworden ist. Und “A Certain Softness” ist der typische “Michelle”-Bossnova, auch nicht gerade originell.

Alles in allem fällt die Platte gegen Ende etwas ab, der Schnuuf, den sich McCartney bei Godrich geholt hat, reicht nicht ganz aus. Aber man hört, dass es Herr McCartney eben doch noch kann. Wer weiss, ob Herr Lennon 2005 auch noch solche Songs geschafft hätte.

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Paul McCartney - Live in Zürich 2012

Es dauerte ein paar Songs, bis Paul McCartney am Montagabend im Hallenstadion Zürich in Fahrt kam. Aber das ist okay, schliesslich wird der gute Mann bald 70. Danach wurde einem ein solides, gut gestaltetes Konzert geliefert. Mehr als zweieinhalb Stunden spielte sich die hervorragende Band quer durch 50 Jahre Popmusik. Highlights: “Blackbird”, von Paul solo mit der akustischen Gitarre gespielt - ein Gänsehautmoment. Das furiose “Live And Let Die”. Die Lennon-Hommage “Here Today”. Das Schlussbouquet mit “Helter Skelter” und dem göttlichen “Abbay Road”-Schlussmedley. Da verzieh man sogar, dass die Streicher bei “Eleanor Rigby” aus dem Keyboard kamen.

Hier gibt’s meine Fotos von dem Konzert - ein paar Schnappschüsse sind mir gelungen.

Eine sehr gute Konzertreview schrieb Marc Krebs in der Tageswoche. Und die 40 Songs starke Setlist des Abends gibt’s hier.

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Es gibt sie noch: diese überraschenden, packenden, verstörenden Musikclips. The Shoes - Time To Dance.

Brumm brumm! Züri West haben ein witziges Retrovideo zu ihrem Song “Göteborg” gedreht. Erinnert ein wenig an die Schreibtischfahrten von Harald Schmidt

Kettcar - Zwischen den Runden (2012)

Meine 3-Tweet-Review des neuen Albums.

Es ist ihr bislang poppigtstes Album. Der peitschende Rock von einst ist einem meist akustischen Pop mit viel Streichern gewichen. Das gefällt. Auch, weil Kettcar immer noch meisterlich aus Alltäglichem grosses Kino machen (im Opener “Rettung” geht’s um einen Hangover). “Zwischen den Runden” ist nicht ihr bestes Album. Aber ein dem Alter entsprechendes, das man ihnen (gerne) abnimmt.

Wertung : 4,5 / 6.

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Für meine 222. und allerletzte CH-Szene-Sendung bei Radio 24 hat Knackeboul live im Studio die CH-Szene-Gästeliste in einen Rap verwandelt. Ein schöneres Abschiedsgeschenk gibt’s fast nicht. Merci, Knack.