Züri West - Göteborg (2012)
Die Hits schenkt Herr Lauener anderen Berner Künstlern. Macht nichts - dafür sind Züri West auf diesem Album so vielfältig wie noch nie.

In den Texten der neuen Songs hat die Gitarre einige Auftritte. In „Gitarre-Johnny“ wird sie gebraucht, um sich zu betäuben, um sich und die verflossene Liebe zu vergessen. In der wunderbaren Jarvis Cocker-Coverversion „När bring i wieder öpper um“ ist die Gitarre das Instrument des Spiessers, der mit seinem Mani Matter-Repertoire zeigen will, dass er es immer noch draufhat. Und in „Chliini Gibson“ kauft sich der Protagonist eine wertvolle alte Gitarre, nur um festzustellen, dass sie zwar schön aussieht, aber, “ehrlech gseit”, beschissen klingt.
Dieser inhaltliche Bezug auf die Gitarre ist insofern interessant, als dass die Gitarre in der Musik von Züri West 2012 keine so grosse Rolle mehr spielt. Züri West sind schon seit Ende der 90er-Jahre, seit „Super 8“, keine typische Gitarrenband mehr. Die Gitarre ist wohl noch Bestandteil des Bandsounds, ist aber gleichberechtigt mit Örgeli, Piano, Streichern oder Bläsern (sehr prominent diesmal). Nur manchmal, zum Beispiel im bereits erwähnten „Gitarre-Johnny“, drehen die Züris die Gitarrenverstärker auf, „drücked ab“, wie es heisst. Sonst kommt „Göteborg“ sehr entspannt daher – und das ist gut so. Kuno Lauener & Co. sind jetzt alle um die 50, haben Frauen und Kinder. Der Sound ist mit ihnen (und mit uns, den Hörern) älter geworden.
Trotzdem fehlen die typischen Züri West-Soundelemente nicht auf „Göteborg“ – und immer wieder mal hört man ein Zitat heraus, eine Referenz an frühere Züri West-Songs. Die wunderbare Plattenladen-Romanze „Rain Dogs Learning To Crawl“ (einer der schönsten Züri West-Songs der Neuzeit) könnte ein Geschwister von „Abspann“ (1991) sein. Aus dem Intro von „3027“ hört man die „Echo“-Akkorde heraus, aus „Göteborg“ jene von „Ei einzigi Sekunde“ (2008), „50 Wörter“ erinnert (musikalisch und inhaltlich) stellenweise an „Monster“ (2001). Diese Selbstzitate stören überhaupt nicht. Ähnlich wie bei R.E.M. letztes Jahr ist es ein Bekenntnis zum Weg, den diese Band in den letzten fast 30 Jahren zurückgelegt hat.
Die Band spielt so sorgfältig wie noch nie. Jedes Stück erhält genau den Sound, den es braucht. Und dabei gelingen ihr ein paar meisterhafte Kompositionen. Die Musik dient aber klar auch den Texten von Kuno Lauener. Dieser ist wie vor 4 Jahren beim Spätmeisterwerk „Haubi Songs“ einmal mehr absolut auf der Höhe seines Könnens. Schon immer waren seine Texte sehr schlank – auf „Göteborg“ sind sie noch dichter, noch entschlackter. Kuno bringt’s auf den Punkt – ohne viele Wörter. Manchmal reichen ihm sogar nur deren 50, um im Song „50 Wörter“ ein kleines Drama zu erzählen. Gerade dieser Text beweist, wie gerne Kuno auch mit seiner Rolle als Texter spielt. Dem Protagonisten von „50 Wörter“ zeigt er mit (höchstwahrscheinlich) tödlichen Folgen, welche Macht er als Texter hat. „Pinsuschwinger“ (auch musikalisch ein wahres Wunderwerk) braucht nur wenige Pinselstriche, um eine abgründige Beziehungsgeschichte zu beschreiben. Meisterhaft schlüpft Kuno auch diesmal wieder in Rollen. Zum Beispiel in „Mängisch rütscht’s eim eifach us de Händ“ – Kuno gibt hier den Vampir und verschreibt dem seit „Twilight“ viel zu kuscheligen Genre wieder den nötigen Schuss Psychothriller. Überraschend ist „3027“ – Kuno gibt bei sich zuhause in Bern-Betlehem den Sonnenuntergangsromantiker, der vor dem „Chef“ im Himmel oben den Hut zieht. Es ist diese Offenheit, die diesen Song schon jetzt zu einem neuen Liebling bei vielen Züri West-Fans macht.
„Göteborg“ ist die logische Fortsetzung von „Haubi Songs“. Ein entspanntes Album einer Band, die genug erlebt und geleistet hat, um nicht mehr allen Ansprüchen genügen zu müssen. Wer Hits zum Mitsingen will, der kriegt die ganz sicher an den Konzerten, Züri West sind keine Hitverweigerer. Aber auf Platte brauchen sie das nicht mehr. Und so ist “Göteborg” eines ihrer musikalisch reichsten Alben geworden.
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